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Keine Experimente von Markus Feldenkirchen

Buchvorstellung

Es scheint eine Eigenart, von Buchhändlern zu sein, ihre Kunden besser zu kennen als diese sich selbst. Anscheinend beschränkt sich diese Eigenschaft auch nicht auf diejenigen, welche ihr Gewerbe über das Internet ausüben. Denn wie sonst kommt die Buchhändlerin in unserer Kleinstadt darauf meiner Frau, ein Buch mit den folgenden Worten zu empfehlen. »Ich habe da etwas für ihren Mann. Das wird ihm sicher gefallen.«

So habe ich also zum Geburtstag ein Buch bekommen, von dem die Buchhändlerin in Strausberg meinte, dass es mir gefällt. Eine Tatsache übrigens, die mir eigentlich gar nicht gefällt. Weswegen, ich gebe es zu, ich dieses Buch sehr kritisch ersteinmal mit spitzen Fingern angenommen habe. Aber wir hatten ja Urlaub, und zu viel Bernhard ist dann auch nicht gesund. Also warum nicht mal das Geburtstagsgeschenk aufschlagen. Schaden kann es ja nicht, und am Strand ist Zeit genug. Als wenn der Autor alle meine Vorurteile bestätigen will, liest sich das erste Kapitel wie der Beginn eines beliebigen Politthrillers aus dem Bestsellerregal.Na das kann ja langweilig werden denke ich bei mir, und lese eher lustlos das zweite Kapitel. Doch was ist das? Auf einmal besteigt mich das Gefühl, dass dieses Buch nichts für den Strand ist. Da überfliegt man nicht einmal ein paar Seiten und geht zwischendurch baden. Ich fühle das mich etwas packt. Also lege ich das Buch lieber zur Seite. Denn es droht hier keine Langeweile. Eher ein übler Sonnenbrand.

Die Buchhändlerin hatte recht. Dieses Buch ist etwas für mich. Was holprig beginnt entwickelt sich schnell zu einem fesselnden Fluss, dem ich mich nicht entziehen konnte. Markus Feldenkirchen ist ein profunder Kenner der Berliner Politik. Er ist aber auch guter Beobachter der deutschen Gesellschaft. Beides lässt er in diesem Roman zusammenfließen. All die Widersprüchlichkeiten zeigt er in den Widersprüchen seiner Protagonisten auf. Er stellt vorgefasste Bilder in Frage, und verteilt die Sympathien neu. Er erzählt die Geschichte eines ehrlichen Menschen in einer verlogenen Gesellschaft. Eine Geschichte des Scheiterns.

Es ist die Geschichte des konservativen Abgeordneten Frederik Kallenberg. Tief verwurzelt im Sauerland und dem dortigen Katholizismus. Einer aus der ganz schwarzen Ecke der CDU. Ein Mann mit Prinzipien und einem Weltbild, das irgendwie nicht mehr in unsere Zeit passt. Der Titel des Buches »Keine Experimente« charakterisiert auch seine Hauptperson. Kann man für so einen Menschen Sympathien entwickeln?

Ja, das geht. Nicht nur dei zweite Hauptperson des Romans, dei emanzipierte, junge Sutdentin Liane Berg erlebt das. Auch mir als Leser ging es so. Markus Feldenkirchen beschreibt die Herkunft und den Werdegang seines Helden in einer Art, die einfach Sympathien weckt. Er schreibt über Menschen, deren Ansichten nicht unbedingt dem lärmenden Mainstream entsprechen. Die aber deshalb, nicht zu verachten sind. Zu verachten, ist die verlogene Gesellschaft an der sie scheitern.

Da der Roman mit dem Verschwinden des Abgeordneten Kallenberg beginnt, will ich die Spannung nicht nehmen. Ich werde also nichts über den Inhalt schreiben. Außer, dass er am Ende wieder auftaucht. Man muss also keine Angst um ihn haben. Ach ja, und schön aufmerksam lesen. Wie schon gesagt, kennt sich der Autor hervorragend im politischen Berlin aus. Es macht durchaus Spaß, immer wieder Parallelen zu real existierenden Personen zu entdecken. Auch wenn diese, mal abgesehen von »der Kanzlerin«, nicht namentlich genannt werden.

Keine Experimente von Markus Feldkirchen zu lesen, ist vielleicht kein Experiment. Wenn doch, dann geht es, wie in meinem Fall, sicher gut aus. Denn es ist mehr als ein Buch über Politik und Liebe. Es ist ein Buch über unsere Zeit.

Buchdaten

Verlag : Kein & Aber AG Zürich

ISBN : 978-3-0369-5671-8

CC-Lizenz

buecher/besprechungen/keine_experimente.txt · Zuletzt geändert: 2014/08/31 17:53 von admin