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Zu „Lückenpresse“ von Ulrich Teusch

Derzeit scheint es eine Schieflage in der öffentlichen Diskussion zu geben. Sichtbar wird sie an einem besonders neuralgischen Punkt unserer Gesellschaft. Denn für eine offene und pluralistische Gesellschaft ist nichts wichtiger als eine offene und pluralistische Kultur der Information. Das diese nie hundertprozentig möglich ist, liegt in der menschlichen Natur. Doch für möglichst viel von ihr zu kämpfen, ist überlebenswichtig für die Freiheit des Individiums und damit permanent nötig. Ein wichtiger Teil ist dabei auch stets das kritische Hinterfragen in dieser Kultur in sich selbst. So wie es Ulrich Teusch mit seinem Buch »Lückenpresse« versucht.

Im Untertitel spricht der Autor denn auch vom »Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten«. Über die zeitliche Verortung, welche Ulrich Teusch dabei vornimmt wird noch zu sprechen sein.Vom oben schon dargelegten Standpunkt des Verstandes verspricht der differenzierte Begriff Lückenpresse als Antwort auf das pauschale, populistische Lügenpresse einen interessanten Ansatz. Dem Ulrich Teusch auch anfangs durchaus gerecht wird. Er analysiert und beschreibt sehr gut, wie man neue Wahrheiten geschaffen werden, indem man beispielsweise die halbe Wahrheit berichtet. So beleuchtet er auch das Verhältnis wirtschaftlicher und damit persönlicher Abhängigkeiten. Wie diese zur Anpassung und damit zur Ausbildung von Narritiven führen.

Doch zeigen sich auch hier schon erste Schwächen seines Buches. So kommt Ulrich Teusch selbst leider nicht um die Narritive »Mainstream« und »Eliten« herum. Zu eine,r neutrale Betrachtung des Themas gehört auf jeden Fall auch die Sicht auf das gesamte Spektrum der agierenden Gruppen und Personen. So gesehen sind auch Peter Scholl-Latour, Lars Schall und Udo Ulfkotte anhörenswert. Allerdings sollte das auch mit der gleichen Messlatte geschehen, wie sie Ulrich Teusch bei den von ihm als »Alphajournalisten« bezeichneten anlegt. Nur so kann man das fragile Glashaus, was die größtmögliche Annäherung an die Wahrheit nun einmal ist, erhalten bleiben. Ein Mainstream gegen den Mainstream ist da eher kontraproduktiv. Man kann ihn wie auch die oben erwähnten eigenen Narritive des Autors als einen der sprichwörtlichen Steine betrachten.

Mit diesen Steinen fängt Ulrich Teusch ab dem Kapitel »Ansichten eines Alpha-Journalisten« (S. 71ff) vermehrt zu werfen an. Ob ihn die scheinbar einfache Beweisbarkeit seiner Thesen, an Hand der momentanen Russlandberichterstattung dazu verleitet haben, oder doch ein persönliches Interesse kann ist mir nicht bekannt. Teuschs Text folgt nun aber vermehrt genau dem Muster, welches er der »Lückenpresse« vorwürft. Wo er die Berichterstattung der deutschen Medien berechtigterweise als parteiisch und interessengelenkt kritisiert, stellt er die Argumentation der Gegenseite, also beispielsweise die Sichtweise Russlands, nicht so klar in diesen Kontext . Mehr noch, er zieht immer wieder diese Sichtweise als Beleg für die vermeintliche Propaganda des »Westens« heran.

Aber wenn man nun davon ausgeht, daß Russland propagandistisch angegriffen wird, muss man dann nicht auch annehmen, daß es sich gleichartig wehrt? Muss man dann nicht also auch diese »Wahrheiten« entsprechend hinterfragen? Hinzu kommt, dass sich die russische Seite durchaus geschickt verhält. Sie nutzt die derzeitige Vertrauenskrise der westlichen Medien aus. Wer also meint hier mitzumischen, der sollte genau aufpassen, nicht plötzlich Granaten in die falschen Kanonen zu schieben.

Eine Falle, in die bereits Frau Krone-Schmalz getappt ist. Die nach ihrem hervorragenden Interview für das Medienmagazin zapp als »Putinversteherin« abgestempelt wurde. Leider meinte sie sich gegen diese Dämlichkeit, öffentlich äußern zu müssen. Als intelligente und medienerfahrene Frau hätte sie wissen müssen, dass Talkshows dazu nicht geeignet sind. Ein Fakt den auch Ulrich Teusch so bemerkt. (S.103)

Unabhängig davon war ihre Kritik richtig und fundiert. Auch strahlt Sabine Krone-Schmalz für mich mehr Integrität als Johannes Grotzky aus. Aber das ist meine persönliche Sicht. Scholl-Latour, Schall und Ulfkotte lasse ich da ganz außen vor.

Zurück zum Buch. Wie schon erwähnt nimmt die Russlandberichterstattung den überwiegenden Teil der Belegführung ein. Weswegen sie auch hier entsprechend rezipiert wird. Insbesondere angetan hat es dem Autor dabei anscheinend Claus Kleber. Für Ulrich Teusch scheint er das Paradebeispiel des, von den transatlantischen Eliten gesteuerten Alphajournalisten, im »Mainstream im Mainstream«, zu sein. Hier möchte ich anmerken, dass ich diese Art der Personalisierung einer Systemkritik für unglücklich halte. Ich meine nicht, dass Personen wie Claus Kleber oder Josef Joffe letztendlich so entscheidend sind. Was ja auch dem wiederspricht, was Ulrich Teusch in seinem Buch vorher darlegt. Weder Herr Kleber noch der Herr Joffe hätten tatsächlich die Macht, die von Teusch beschrieben Zustände einfach zu ändern. Allenfalls sind sie Vertreter von Interessengruppen. Diese mit beweisbaren Fakten zu benennen ist freilich nicht ganz einfach. Und auch ein profesioneller Publizist wie Teusch scheitert daran. So bleibt er bei einem bloßen Bezichtigen. Dieses ist aber naturgemäß ein sehr schlechtes Argument. Wer sich nämlich auf Bezichtigungen stützt, rutscht schnell in Vermutungen ab. Einer stichhaltigen und neutralen Medienkritik ist das nicht zuträglich. Während Teusch im Laufe seines Textes im fester auf Kurs des eigenen Narritivs läuft, rempelt er im Kapitel regelmäßig auch schon einmal gegen selbst aufgestellte Klippen.

Befremdlich ist ein Beispiel im Kapitel »Eine simulierte Redaktionskonferenz« (S. 104-110). Auf der Seite 108 bringt als Beispiel den »Fall Lisa F.«. Nun ist dieser Fall tatsächlich sehr gut geeignet zur Veranschaulichung der Beeinflussung der öffentlichen Meinung und die Instrumentalisierung eines Sachverhaltes für ganz andere Interessen. Im Sinne einer differenzierten Betrachtung der Kritik am medialen Umgang ist dieser Fall hervorragend geeignet, auch einmal das Verhalten der russischen Seite unparteiisch zu beleuchten.

Doch das kann Ulrich Teusch offensichtlich nicht. Er folgt seinem hier schon benannten Kurs. So versucht er denn auch aus dieser Geschichte einen Beweis für, die einseitige Propaganda zurechtzubiegen. Dazu zieht er alle Register, die er der Lückenpresse vorwirft. Schon im ersten Satz eine kleine Ungenauigkeit als Spin. Lisa F. ist deutsche Staatsbürgerin. Da sie das Kind von sogenannten Russlanddeutschen ist, gilt sie als »deutsstämmig«. Ulrich Teusch spricht aber von einem »russischstämmigen Mädchen«. Auf der Verdrehung genau dieses Faktes fusste auch die von russischen Medien aufgezogene Empörungswelle. Aber nicht nur das. Zur Beschreibung des Falls schreibt Teusch lediglich, dass Lisa F. »… verschwunden und angeblich sexuell missbraucht worden war«. Obwohl der Fall längst aufgeklärt ist, lässt der Autor eben jene Tatsache unerwähnt. Denn dann könnte er das Verhalten der russischen Medien in der Sache nicht mit einen »nicht mit Ruhm bekleckert« relativieren. Nein, er müsste eingestehen, dass hier Propaganda auf untersten Niveau ablief. Besonders die Tatsache das der russische Außenminister Sergei Lawrow die Sache mit dem Thema Flüchtlinge verbunden hat, war ein klarer Versuch der Instrumentalisierung. Ohne jegliche Beweise haben russische Medien und der russische Außenminister Behauptungen verbreitet. Sie haben so bewusst Öl in einen schwelenden Konflikt gegossen. Das ist nicht einfach nur »nicht mit Ruhm bekleckert«. Wenn sich der Außenminister des betroffenen Landes dagegen mit einer »scharfen Kritik« wehrt, dann ist das seine Aufgabe. Das darüber in den Medien als Nachricht berichtet wird ist kein »Privileg«, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, das »Lawrows Positionierung« nur »eingebettet in einen relativierenden Bericht« veröffentlicht wurde, kann da schon eher als ein diplomatisches Zugeständnis denn negative Berichterstattung gesehen werden. Denn eben die, von Ulrich Teusch verschwiegene, Aufklärung des Falls ließ den russischen Außenminister nicht gut aussehen. Wenn also Teusch am Anfang seines Beispiels fragt: »Erinnert sich noch jemand an den Fall Lisa«? Dann möchte man ihm antworten, Sergei Lawrow mit Sicherheit nicht gerne.

Ein weiteres Beispiel ist Teuschs Behauptung (S. 140/141) von der »Demontage« des Christian Wulff durch »mitregierende« Journalisten. Hier unterstellt er Berthold Kohler von der FAZ er hätte gegen Wulff einen »Feldzug« begonnen, weil dieser »…den Bankern die Leviten liest, der behauptet, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland oder der sich untersteht, von einer bunten Republik zu reden«. Belege hat er dafür nicht. Somit muss dem Leser ein »viel wahrscheinlicher« reichen. Dabei wäre gerade dieser Fall ein hervorragendes Beispiel für eben jenes Mitregieren der Medien gewesen. Sogar durch Mathias Döpfner selbst öffentlich belegt. Sein Spruch, vom im Fahrstuhl nach oben und wieder nach unten fahren ist ja wohl eindeutig genug. Doch genau dieser Fakt kommt bei Teusch nicht vor. Genauso wenig wie das Verhalten von Christian Wulff selbst. Er vermutet lieber etwas beim »Meinungsführer« Kohler.

Ulrich Teusch bleibt sich und dem eigenen Narretiv bis zum Ende seines Buches treu. Da verwundert es auch nicht, wenn er im Kapitel »Rezipienten als mediale Opportunisten« völlig die Distanz verliert. So Behauptet er, dass ausgerechnet das staatlich initiierte und finanzierte Russia Today eine Alternative zu den westlichen Medien sei. Einen Anschein, den genau dieses Medium vermitteln soll, hinterfragt Teusch nicht. Das Gleiche gilt für die »westlichen« Journalisten bei RT. Deren Motivation stellt er als eine Art ehrlichen Journalismus da. Schließlich sagt ja die Moskauer Chefredaktion von RT: »Abby darf bei uns sagen, was sie will«. Hier verliert das Buch für mich jeden Rest an Glaubwürdigkeit. Diese erlangt es auch oder gerade nicht durch die noch folgende kurze Erwähnung sogenannter, alternative Medien. Denn statt auch deren Rolle, Selbstverständnis und die Verhältnis gründlich zu hinterfragen, wirft er dieses Thema nur kurz auf. Wobei er auch hier gleich relativiert und abmildert. Das hat für mich eher etwas Anbiederndes.

Somit bleibt als Fazit, Ulrich Teusch fordert einen guten Journalismus. Doch er selbst schwimmt im selben Fahrwasser des Journalismus, dem er ein Versagen attestiert. Das ist schade. Denn so werden wir aus der derzeitigen Schieflage wohl nicht herauskommen.

Ach ja, beinahe hätte ich ja den Untertitel vergessen. War der Journalismus wirklich mal anders als wir ihn kennen? Wann soll das gewesen sein? Vor der derzeitigen Krise? Also wenn man mich fragt, das war doch schon immer so. Vielleich nicht so offensichtlich. Aber das ist eigentlich egal. Denn »Lückenpresse« von Ulrich Teusch ist auch sonst keine Antwort auf das Problem. Allenfalls als Wasser auf einige Mühlen taugt es. Wie auf die eines Hans-Herrmann Gockel von Elsässers Compact-Magazin. Der greift in seinem Dossier »Anja Reschke weiß alles besser« den Begriff Lückenpresse auf. Ihm erscheint dieses Wort wohl unverfänglicher als Lügenpresse. So schließt sich eben ein Kreis.

Ulrich Teusch : Lückenpresse – das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen (ISBN : 978-3-86489-145-8) ist 2016 beim Westend Verlag Frankfurt/Main erschienen und kostet 18,00€.


Erstveröffentlichung bei Duckhome am 05.11.2016

buecher/besprechungen/lueckenpresse.txt · Zuletzt geändert: 2016/11/08 21:58 von admin