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internet:blog:rdnungspolitik:2009_04_21

Sontagsspaziergang Gehen - Denken

April 21st, 2009

Der letzte Sonntag war zu schön, um ihn in dem kleinen Zimmer, verstreichen zu lassen. Doch wohin fahren, was tun. Früh wollte ich noch nach Krummau fahren. Einfach das schöne Wetter genießen, ein paar Fotos machen und abends Knödel essen. Doch dann war das „Früh“ vorbei. Die Lust so weit mit dem Auto zu fahren hatte sich aber nicht eingestellt. Es war also Mittag und das Was und Wohin waren immer noch da.

Man könnte raus fahren, etwas lesen und schauen. Doch wohin? Gmunden, ja Gmunden ist gut. Für Gmunden sprechen der See, die Atmosphäre und die Konditorei Grellinger. Aber am Sonntag gibt es zu Gmunden auch immer ein Gegenargument. Die Promenade ist voller Menschen. Nein Menschen, noch dazu viele, das wollte ich nicht. Also doch nicht Gmunden.Aber die Richtung wäre schon gut. Eigentlich, dachte ich, wolltest du dir schon immer das Thomas-Bernhard-Haus ansehen. Also warum nicht diesen Sonntag? Erst ins Museum und dann noch irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen. Schön in der Sonne sitzen, die gute Luft atmen und Uli Hannemanns „Neulich in Neukölln“ lesen. Die Idee war geboren, und das Was und Wohin waren endlich geklärt.

Auf der Fahrt nach Ohlsdorf noch hier und dort angehalten, das Panorama genossen und, ab und zu, auf den Auslöser gedrückt. Am Thomas-Bernhard-Haus mußte ich feststellen, dass ich noch gut anderthalb Stunden Zeit, bis zu dessen Öffnung hatte. Aber auf einmal hatte ich ein eigenartiges Gefühl. In dieser Einöde und noch soviel Zeit. Doch irgendwie war mir das egal. An der Tür des Hauses hängt ein kleines Kästchen. Darin stecken einige Flyer. Diese weisen auf den Thomas-Bernhard-Weg der Gemeinde Ohlsdorf hin. Dieser Weg heißt „gehen denken“. Gehen denken, genau das war es was ich wollte. Gehen denken wieder gehen wieder denken. Dabei ist der Weg eigentlich keiner, der das gehen lohnt. Also wenn man das Gehen ohne das Denken tut. Ohne das Denken ist es ein langweiliges Gehen.

Auf dem Weg findet man einige wenige Zitate von Thomas Bernhard. Es sind nicht viele, doch es sind genug um die Last des Kopfes zu erhöhen. Der Weg ist nicht wirklich anstrengend. Doch das gehen denken macht den Kopf immer schwerer. Diese Last strengt mehr an als die Last auf den Füßen. Doch den größten Teil des Weges war ich allein mit mir und meinem Denken. Wenn man an die Traun kommt, mündet der Weg auf den Traun-Wanderweg. Plötzlich sind wieder andere Menschen da. Mit ihren Walking-Stöcken, ihren Hunden, ihren Fahrrädern. Sie hecheln gedankenlos den Weg entlang. Von der Laakirchner Seite der Traun stinkt die Papierfabrik herüber. Beim Gehen und Denken habe ich begonnen, diese Menschen zu hassen. Diese Menschen haben nur Hass verdient. Was hatten sie dort zu suchen?

Endlich wurde der Weg wieder einsam. Das war wie eine Befreiung. Als ob ich eine Last los wurde. Doch ich hatte die Steine verloren. Die Steine die den Weg wiesen. Aber ich glaube sie waren gar nicht mehr da. Irgendwer hatte sie beseitigt. Also bin ich einfach weiter gegangen und habe weiter gedacht. Der Weg war schlecht und deprimirend . Doch das Denken machte ihn erträglich. Unverhofft war ich schon wieder an meinem Ausgangspunkt angelangt. Die Tür des Thomas-Bernhard-Hauses war geöffnet.

Ich bin noch schnell zum Auto gegangen, das Hemd wechseln. Dann mit dem vollgedachten Kopf in den Hof des Hauses getreten. Dort hatte gerade eine Führung für den, bis dahin, einzigen Besucher begonnen. Mit mir war es dann eine Führung für die zwei einzigen Besucher.

Wir haben uns das Haus angesehen, und am Ende der Führung das Eintrittsgeld bezahlt.

Nachdem ich aus dem Haus gekommen bin, konnte ich nicht sofort losfahren. Es brauchte Zeit. Ich bin dann direkt, über die Autobahn, nach Bad Hall gefahren. Der Tag war so unwahrscheinlich anstrengend aber erfüllt. Er war so erfüllt, dass ich ihn noch nicht vollständig verarbeitet habe. So viel braucht viel Zeit.

[…]

Fazit:

Bevor man in dieses Haus geht, sollte man den Weg gehen.

[…]

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